Erwachsene behandelst Du in der Regel als Privatpatienten nach GOZ. Die gesetzliche Krankenkasse zahlt die kieferorthopädische Behandlung nur, wenn die Behandlung vor dem 18. Geburtstag beginnt, und bei Erwachsenen nur in Ausnahmefällen mit schweren Kieferanomalien. Fachlich fehlt das nutzbare Wachstum. Dafür kommen Parodont und Zahnersatz häufiger ins Spiel.
Was sich fachlich und rechtlich unterscheidet
| Merkmal | Kinder und Jugendliche | Erwachsene |
|---|---|---|
| Wachstum | Die Kieferentwicklung lässt sich beeinflussen | Spätbehandlung nach Wachstumsabschluss; skelettale Korrekturen meist nur mit orthognather Chirurgie |
| Kostenträger | gesetzliche Kasse bei Beginn vor dem 18. Geburtstag und ab KIG-Grad 3 | in der Regel Privatleistung; Kasse nur bei schweren Kieferanomalien mit kombinierter Behandlung |
| Abrechnung | Kasse: einheitlicher Bewertungsmaßstab (BEMA); privat: GOZ Nr. 6030 bis 6080 | GOZ, für den alveolären Ausgleich bei abgeschlossener Wachstumsphase Nr. 6090 je Kiefer |
Die S3-Leitlinie „Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien“ nennt die Behandlung im bleibenden Gebiss nach Wachstumsabschluss Spätbehandlung (Erwachsenenbehandlung). Skelettale Korrekturen sind dann meist nur mit orthognather Chirurgie möglich, also im Rahmen einer kombinierten Therapie. Wie diese abläuft, steht in Zusammenarbeit mit der MKG-Chirurgie. Die Kinderbehandlung beschreibt Kinder und Jugendliche in der KFO behandeln.
Kasse, Privatleistung und Steuer
Nach § 28 Abs. 2 Satz 6 Nr. 2 SGB V gehört die kieferorthopädische Behandlung nicht zur zahnärztlichen Behandlung der Kassen, wenn der Versicherte zu Beginn das 18. Lebensjahr vollendet hat. Satz 7 nimmt Versicherte mit schweren Kieferanomalien aus, die kombinierte kieferchirurgische und kieferorthopädische Maßnahmen erfordern. Die G-BA-Richtlinie nennt dafür angeborene Fehlbildungen, skelettale Dysgnathien und verletzungsbedingte Fehlstellungen ab bestimmten KIG-Graden (A5, D4, M4, O5, B4 oder K4). Die Einzelheiten zu KIG und Fachzahnarztvorbehalt stehen in Kinder und Jugendliche in der KFO behandeln. Der Fachzahnarztvorbehalt, der seit dem 30.07.2026 zulasten der Kassen gilt (drei Ausnahmen), trifft bei Erwachsenen deshalb nur diese Ausnahmefälle. Berufsrechtlich dürfen Fachzahnärzte und Absolventen eines Masters gleichermaßen behandeln; die Regeln erklärt Fachzahnarzt oder Master in Kieferorthopädie.
Die übrigen Erwachsenenbehandlungen rechnest Du nach der GOZ ab, Abschnitt G (Kieferorthopädische Leistungen). Standardmaterialien wie unprogrammierte Edelstahlbrackets sind dort in den Gebühren für Brackets, Bänder und Bögen enthalten. Darüber hinausgehendes Material berechnest Du nur, wenn Du es vor der Verwendung schriftlich mit dem Zahlungspflichtigen vereinbart hast. Die Vereinbarung nennt die voraussichtlichen Kosten und weist darauf hin, dass eine Erstattung möglicherweise nicht voll erfolgt.
Umsatzsteuerlich zählt, ob die Leistung der Heilbehandlung dient. Das Bundesfinanzministerium nennt bei ästhetisch-plastischen Leistungen als Indiz gegen die Steuerfreiheit, dass die Krankenversicherungen die Kosten regelmäßig nicht übernehmen (UStAE Abschnitt 4.14.1 Abs. 5 Nr. 8, Fassung des BMF-Schreibens vom 21.05.2026). Mehr dazu steht in Steuern für selbstständige Kieferorthopäden.
Parodont, Zahnersatz und Risiken
Bei Erwachsenen kommen Parodontalerkrankungen, fehlende Zähne und geplante Kronen oder Implantate als Begleitbefunde hinzu. Die Planung stimmst Du mit den anderen Fachgebieten ab. Bei Zahnwanderung durch Parodontitis im Stadium IV nennt die europäische S3-Leitlinie der EFP die kieferorthopädische Zahnbewegung als eine der Maßnahmen, die nach abgeschlossener aktiver Parodontaltherapie folgen. Die Musterweiterbildungsordnung führt die Mechanismen der Wurzelresorption und Weichgewebsveränderungen bei kieferorthopädischer Behandlung als Weiterbildungsinhalte. Über Risiken klärst Du Patienten nach § 630e BGB auf. Neben transparenten Alignern, die Aligner oder feste Apparatur: der Vergleich aus Behandlerperspektive behandelt, lassen sich festsitzende Apparaturen auch auf der Zahninnenseite (lingual) kleben.
Weiterlesen: Aligner oder feste Apparatur: der Vergleich aus Behandlerperspektive, Kinder und Jugendliche in der KFO behandeln und Zusammenarbeit mit der MKG-Chirurgie.
Quellen
- § 28 SGB V, Ärztliche und zahnärztliche Behandlung: Altersgrenze 18 und Ausnahme bei schweren Kieferanomalien (Abs. 2 Satz 6 und 7), Fachzahnarztvorbehalt.
- G-BA, Kieferorthopädie-Richtlinien (PDF): Abschnitt B Nr. 4, schwere Kieferanomalien und KIG-Grade.
- G-BA, Themenseite Kieferorthopädische Behandlung: Kassenleistung bei Erwachsenen nur bei schweren Kieferanomalien.
- AWMF 083-038, S3-Leitlinie Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien, Kurzversion (PDF): Definition der Spätbehandlung, orthognathe Chirurgie nach Wachstumsabschluss.
- Herrera et al., Treatment of stage IV periodontitis: The EFP S3 level clinical practice guideline, J Clin Periodontol 2022: kieferorthopädische Zahnbewegung als Maßnahme nach aktiver Parodontaltherapie.
- GOZ, Anlage 1 Gebührenverzeichnis, Abschnitt G: Nr. 6030 bis 6090, Material- und Laborkosten, schriftliche Vereinbarung.
- BMF-Schreiben vom 21.05.2026 zur Umsatzsteuerbefreiung ästhetischer Behandlungen (PDF): UStAE 4.14.1 Abs. 5 Nr. 8.
- Musterweiterbildungsordnung der Bundeszahnärztekammer, 16.11.2024 (PDF): Kompetenzkatalog zu Wurzelresorption und Weichgewebe.
- § 630e BGB, Aufklärungspflichten: Aufklärung über Risiken.
Stand: Oktober 2026.
