Kieferorthopäden erkennen, verhüten und behandeln Zahnstellungs- und Bissanomalien sowie Fehlbildungen und Deformierungen der Kiefer und des Gesichtsschädels; so beschreibt die Musterweiterbildungsordnung der Bundeszahnärztekammer das Fachgebiet (Anlage 2 Ziff. 1.1). Die BZÄK zählte zum 31.12.2024 bundesweit 3.825 Fachzahnärzte für Kieferorthopädie, bei insgesamt 73.511 zahnärztlich Aktiven. Der Alltag dreht sich weniger um Akutfälle als um die Planung und Steuerung langer Behandlungsverläufe.
Das gilt für beide Wege in die Kieferorthopädie: für Fachzahnärzte mit abgeschlossener Weiterbildung (Weg A) wie für Zahnärzte mit Master oder Zusatzqualifikation (Weg B). Behandeln dürfen beide. Sie unterscheiden sich im Titel, in der Werbung und seit 2026 bei den Kassenleistungen, wie Fachzahnarzt oder Master erklärt.
Was Kieferorthopäden behandeln
Der Kompetenzkatalog der Musterweiterbildungsordnung zeigt das Spektrum. Es reicht von herausnehmbaren Geräten einschließlich funktionskieferorthopädischer Apparaturen über Multiband- und Multibrackettechniken und extraorale Geräte bis zur Schienentherapie und Behandlung mit Alignern. Dazu kommen die Retention, also das Halten des Ergebnisses nach der aktiven Behandlung, und besondere Fälle wie Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. Bei schweren Kieferanomalien arbeiten Kieferorthopäden mit der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie zusammen und planen kombinierte kieferchirurgische und kieferorthopädische Behandlungen. Welche Apparatur wann passt, vergleicht Aligner oder feste Apparatur.
Wer die Patienten sind und wer zahlt
Eine Behandlung beginnt häufig im Kindes- oder Jugendalter, oft auf Überweisung des Hauszahnarztes. Dazu passt der Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung: Nach § 28 Abs. 2 Satz 6 Nr. 2 SGB V gehört die kieferorthopädische Behandlung von Versicherten, die bei Beginn das 18. Lebensjahr vollendet haben, nicht zur zahnärztlichen Behandlung der Kasse. Ausgenommen sind schwere Kieferanomalien, die kombinierte kieferchirurgische und kieferorthopädische Maßnahmen erfordern (Satz 7). Bei Kindern und Jugendlichen kommt es auf die Einstufung nach den kieferorthopädischen Indikationsgruppen (KIG) an; Details stehen in Kinder und Jugendliche in der KFO behandeln. Erwachsene behandeln Kieferorthopäden dennoch, dann meist als Privatleistung; die Musterweiterbildungsordnung zählt die Prinzipien der Erwachsenenbehandlung zu den Weiterbildungsinhalten.
Eine typische Woche: die Struktur
Anders als in der Allgemeinzahnmedizin dominieren in der Kieferorthopädie keine kurzfristigen Akutfälle, sondern langfristig geplante Behandlungsverläufe, die sich über Monate bis Jahre erstrecken. Daraus ergibt sich ein wiederkehrender Rhythmus aus vier Teilen.
- Neuaufnahmen mit Erstberatung und Diagnostik: klinischer Befund, Röntgenbilder, Abformung oder digitaler Scan, Fotos und Modellanalyse.
- Behandlungsplanung und Gespräch mit Patienten und Eltern über Ablauf, Dauer und Kosten.
- Kontrolltermine zur Anpassung der Apparaturen, meist im Abstand mehrerer Wochen.
- Abstimmung mit überweisenden Zahnärzten, dem Labor und bei Bedarf der Kieferchirurgie sowie die Abrechnung.
Wie viele Patienten Du an einem Tag siehst, hängt von Praxis und Behandlungsphase ab. Konkrete Fallzahlen nennt dieser Artikel deshalb nicht.
Was das Fach inhaltlich verlangt
Der Kompetenzkatalog der Musterweiterbildungsordnung gliedert das Fachgebiet in acht Bereiche: medizinische Grundlagen, Ätiologie und Morphogenese, Diagnostik, Behandlungsplanung, Therapie, Behandlungsmittel und -techniken, wissenschaftliches Arbeiten und Praxisführung. Zu den Grundlagen zählen Wachstum und Entwicklung von Gesicht, Kiefern und Zähnen, zur Diagnostik die Beurteilung der Okklusion und der Kieferrelationen. Das Fach verlangt damit Planung ebenso wie Handwerk: Wachstum einschätzen, Befunde auswerten, Verläufe über Jahre vorausdenken. Auch die Praxisführung gehört ausdrücklich zum Katalog.
Wo Kieferorthopäden arbeiten
Kieferorthopäden arbeiten angestellt oder selbstständig: in einer KFO-Praxis, in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) oder an einer Universitätsklinik. Wie sich Praxis und Klinik im Alltag unterscheiden, beschreibt Uniklinik oder Praxis. Zu Einkommen und Eigenständigkeit siehe Was verdient ein Kieferorthopäde?, zur eigenen Praxis Eigene KFO-Praxis gründen oder übernehmen.
Zwei Wege dorthin
Weg A ist die Weiterbildung zum Fachzahnarzt für Kieferorthopädie: mindestens drei fachspezifische Jahre plus ein allgemeinzahnärztliches Jahr, mit Kammerprüfung. Danach darfst Du „Kieferorthopäde” führen und uneingeschränkt so werben. Weg B ist ein Master oder eine Zusatzqualifikation, ein bis drei Jahre, meist berufsbegleitend und ohne Kammerprüfung. Du behandelst kieferorthopädisch, führst den Titel aber nicht und musst in der Werbung aufklären. Für Kassenleistungen gilt seit dem 30.07.2026 ein Fachzahnarztvorbehalt mit Übergangsfrist bis einschließlich 29.07.2030 und Bestandsschutz für Master, die bis einschließlich 29.07.2026 begonnen oder abgeschlossen wurden. Berufsrechtlich und privat darfst Du weiter behandeln. Die Einzelheiten stehen in Fachzahnarzt oder Master.
Weiterlesen: Aligner oder feste Apparatur: der Vergleich aus Behandlerperspektive, Kinder und Jugendliche in der KFO behandeln und Zusammenarbeit mit der MKG-Chirurgie.
Quellen
- Musterweiterbildungsordnung der Bundeszahnärztekammer, 16.11.2024 (PDF): Gegenstand des Fachgebiets (Anlage 2 Ziff. 1.1), Dauer und Kompetenzkatalog.
- BZÄK, Nachgezählt: 3.825 Fachzahnärzte für Kieferorthopädie zum 31.12.2024, 73.511 zahnärztlich Aktive.
- § 28 SGB V: Abs. 2 Satz 6 Nr. 2 und Satz 7 (Altersgrenze 18 und Ausnahme), Fachzahnarztvorbehalt und Abs. 2a (Übergang, Bestandsschutz).
- BGH, Urteil vom 29.07.2021, I ZR 114/20: Werbung ohne Fachzahnarzt-Titel mit „Kieferorthopädie”.
Stand: Oktober 2026.
