„Kieferorthopäde” darf sich nur nennen, wer von einer Zahnärztekammer als Fachzahnarzt für Kieferorthopädie anerkannt ist. Behandeln darf berufsrechtlich jeder approbierte Zahnarzt. Wer nur einen Master hat, führt den Titel nicht und muss in der Werbung aufklären, wenn er mit „Kieferorthopädie” wirbt. Seit dem 30.07.2026 gilt außerdem eine eigene Regel für Kassenleistungen.

In die Kieferorthopädie führen zwei Wege. Weg A ist die Weiterbildung zum Fachzahnarzt für Kieferorthopädie: mindestens drei fachspezifische Jahre plus ein allgemeinzahnärztliches Jahr, mit Kammerprüfung. Weg B ist ein Master oder eine Zusatzqualifikation in Kieferorthopädie: ein bis drei Jahre, meist berufsbegleitend, ohne Kammerprüfung, häufig als „M.Sc. Kieferorthopädie” beworben. Die Namen klingen ähnlich. Was Du damit darfst, unterscheidet sich erheblich.

Zur Schreibweise: Auf dieser Seite steht die männliche Form; der Titel gilt ebenso als „Kieferorthopädin” und „Fachzahnärztin für Kieferorthopädie”.

Die zwei Wege im Vergleich

Fachzahnarzt für KieferorthopädieMaster in Kieferorthopädie (z. B. M.Sc.)
VoraussetzungApprobation + mindestens drei fachspezifische Jahre plus ein allgemeinzahnärztliches Jahr (MWBO 2024, Anlage 2 Ziff. 2.1)Approbation + oft berufsbegleitendes Zusatzstudium, ein bis drei Jahre, Dauer je Anbieter unterschiedlich
AbschlussprüfungFachzahnarztprüfung vor der LandeszahnärztekammerJe nach Hochschule, keine staatliche oder kammerliche Prüfung
Persönlicher Titel„Fachzahnarzt für Kieferorthopädie", kurz „Kieferorthopäde" (amtliche Kurzform laut MWBO)Kein Anspruch auf „Kieferorthopäde"; der ausgeschriebene Grad „Master of Science Kieferorthopädie" darf geführt werden
Praxis-/WerbebezeichnungUneingeschränkt, auch „Fachzahnarztpraxis für Kieferorthopädie"„Praxis für Kieferorthopädie" und „Kieferorthopädie" nur mit deutlicher Aufklärung direkt daneben
Kassenabrechnung KFO seit 30.07.2026Mit Anerkennung als Fachzahnarzt möglichNur mit gleichwertigem Abschluss, ausreichender Erfahrung oder Bestandsschutz (die Kriterien sollen KZBV und GKV-Spitzenverband bis 01.01.2027 festlegen)

Das BGH-Urteil zur Werbung mit „Kieferorthopädie”

Der Bundesgerichtshof hat am 29.07.2021 (Az. I ZR 114/20) entschieden, unter welchen Bedingungen ein Zahnarzt ohne Fachzahnarzt-Titel mit „Kieferorthopädie” werben darf. Geklagt hatte die Zahnärztekammer Nordrhein als Berufsaufsicht; als berufsständische Körperschaft ist sie nach § 8 Abs. 3 UWG klagebefugt (im Urteil Nr. 2, in der heutigen Fassung Nr. 4). Beklagt war ein seit 30 Jahren niedergelassener Zahnarzt, der 2012 an einer österreichischen Universität den „Master of Science Kieferorthopädie (MSc)” erworben und der Kammer einen Tätigkeitsschwerpunkt Kieferorthopädie angezeigt hatte.

Das Gericht ging davon aus, dass ein erheblicher Teil der Patienten glaubt, nur ein Fachzahnarzt dürfe kieferorthopädisch behandeln. Tatsächlich erlaubt das Berufsrecht es jedem approbierten Zahnarzt. Wer ohne Titel mit „Kieferorthopädie” oder „Praxis für Kieferorthopädie” wirbt, muss der Fehlvorstellung deshalb durch zumutbare Aufklärung entgegenwirken (Irreführungsverbot, § 5 UWG). Ein generelles Werbeverbot für approbierte Zahnärzte wäre dagegen ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Berufsfreiheit nach Art. 12 Abs. 1 GG (Rn. 41). Der Master ist ein in Deutschland führbarer akademischer Grad, der nicht auf bloßer Selbsteinschätzung beruht (Rn. 39).

Im Einzelfall entschied der BGH für die Anlagen K 1 bis K 3 der Klage:

  • Unzulässig: der Menüpunkt „Kieferorthopädie in der …-Straße” in Alleinstellung auf der Startseite (K 1, Rn. 48).
  • Unzulässig: „Kieferorthopädie in der …-Straße” sowie „Zahnarztpraxis für Kieferorthopädie” und „Kieferorthopädie der …zahnärzte” auf einer Unterseite, wenn neben dem Namen nur „… M.Sc.” stand (K 2, Rn. 49).
  • Zulässig: „Praxis für Kieferorthopädie” auf einer weiteren Unterseite, weil neben dem Namen der ausgeschriebene Zusatz „Master of Science Kieferorthopädie” stand (K 3, Rn. 51).

Als Aufklärung nennt das Urteil einen deutlichen Hinweis auf die Art der Zusatzqualifikation und den Umfang der praktischen Erfahrung. Auch ein ausgewiesener Tätigkeitsschwerpunkt kann der Abgrenzung dienen (Rn. 45). Was genügt, richtet sich nach dem Einzelfall. Die Zahnärztekammer Nordrhein liest daraus: Der Hinweis muss deutlich sein und unmittelbar bei der Angabe stehen. Fehlender Platz im Menü oder auf dem Klingelschild ändert daran nichts. Das ist die Auslegung der Kammer, kein Wortlaut des Urteils. Formulierungen je Kanal (Schild, Website, Google, Social Media) findest Du in Praxisschild und Werbung für Kieferorthopäden.

„Kieferorthopäde” und „Fachzahnarzt”: Kammerrecht, nicht Gegenstand des Urteils

Die Bezeichnungen „Fachzahnarzt für Kieferorthopädie” und „Kieferorthopäde” waren nicht Gegenstand des Verfahrens. Sie sind in jedem Fall den Fachzahnärzten vorbehalten, weil das Kammerrecht es so regelt: Nach § 1 Abs. 3 der Musterweiterbildungsordnung (MWBO) der Bundeszahnärztekammer vom 16.11.2024 darf eine Fachgebietsbezeichnung nur führen, wer eine Anerkennung einer Zahnärztekammer hat. Anlage 2 Ziff. 1.2 nennt „Kieferorthopäde” als amtliche Kurzform. Der BGH gibt diese Rechtslage in Rn. 20 wieder. Die MWBO ist eine Empfehlung; verbindlich ist die Weiterbildungsordnung Deiner Landeszahnärztekammer. Die BZÄK zählte zum 31.12.2024 bundesweit 3.825 Fachzahnärzte für Kieferorthopädie.

Der Tätigkeitsschwerpunkt

Ein Tätigkeitsschwerpunkt ist keine Weiterbildung und keine Prüfung. Der Zahnarzt zeigt ihn seiner Landeszahnärztekammer nach deren Berufsordnung an. Die Voraussetzungen regelt jede Kammer selbst. In Nordrhein regelt § 13 der Berufsordnung das Verfahren: Der Schwerpunkt wird personenbezogen ausgewiesen, dem Schwerpunkt geht der Zusatz „Tätigkeitsschwerpunkt” voran, und der Zahnarzt bestätigt besondere Kenntnisse und Fähigkeiten sowie eine nachhaltige, mindestens zweijährige Tätigkeit auf dem Teilgebiet. Das Anzeigeformular hält ausdrücklich fest, dass die Angabe auf eigenverantwortlicher Einschätzung beruht. Als Fachzahnarzt-Anerkennung zählt sie nicht.

Seit 2026: Kassenleistungen nur mit Titel oder gleichwertiger Qualifikation

Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BGBl. 2026 I Nr. 228, verkündet am 29.07.2026) ist am 30.07.2026 in Kraft getreten. Nach § 28 Abs. 2 Satz 6 Nr. 1 SGB V gehört die kieferorthopädische Behandlung durch Vertragszahnärzte nicht mehr zur zahnärztlichen Behandlung der Krankenkassen, wenn ihnen drei Dinge fehlen. Das sind die Anerkennung als Fachzahnarzt für Kieferorthopädie, ein gleichwertiger Abschluss und die im Bundesmantelvertrag-Zahnärzte (BMV-Z) festgelegte ausreichende praktische Erfahrung. Wer eines davon mitbringt, rechnet weiter ab. Welche Abschlüsse als gleichwertig und welche Erfahrung als ausreichend gelten, sollen die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und der GKV-Spitzenverband bis zum 01.01.2027 im BMV-Z festlegen; die Bundeszahnärztekammer ist vorher anzuhören. Ob ein Master als gleichwertig zählt, steht erst mit dieser Festlegung fest. Die Regel mit allen Fällen, Stichtagen und Folgen für Weg A und B steht ausführlich in GKV-Fachzahnarztvorbehalt Kieferorthopädie 2026.

Für den Übergang gilt nach § 28 Abs. 2a SGB V: Die bisherige Rechtslage bleibt anwendbar auf kieferorthopädische Behandlungen, die bis einschließlich 29.07.2030 begonnen werden. Dauerhaften Bestandsschutz haben Vertragszahnärzte, die bis einschließlich 29.07.2026 ein Master-of-Science-Studium in Kieferorthopädie abgeschlossen oder begonnen haben; den Nachweis führen sie gegenüber ihrer Kassenzahnärztlichen Vereinigung. Unberührt bleiben die berufsrechtliche Behandlungsbefugnis jedes approbierten Zahnarztes und Privatleistungen nach GOZ. Was die Altersgrenze von 18 Jahren und die Ausnahme bei schweren Kieferanomalien für die GKV-Behandlung bedeuten, steht in Kieferorthopädische Behandlung bei Kindern und Jugendlichen.

Was daraus für Deinen Weg folgt

Willst Du Dich später „Kieferorthopäde” oder „Fachzahnarzt für Kieferorthopädie” nennen, führt kein Weg an der anerkannten Weiterbildung vorbei. Sie kann in Deutschland stattfinden oder im Ausland mit anschließender Anerkennung durch Deine Landeszahnärztekammer (mehr dazu in Weiterbildung im Ausland). Ein Master allein reicht dafür nicht, auch nicht, wenn er als „international anerkannt” beworben wird. Ob ein ausländisches Programm die offizielle Facharztausbildung des Landes ist oder ein akademischer Zusatzabschluss ohne Facharztstatus, klärt der Artikel zu englischsprachigen KFO-Programmen.

Willst Du vor allem klinisch kieferorthopädisch arbeiten, kann ein Master mit korrekt angezeigtem Tätigkeitsschwerpunkt schneller zum Ziel führen. Er ist ein zweiter Weg mit anderem Ergebnis: kürzer, kostenpflichtig, ohne Titel und seit 2026 mit Einschränkung bei Kassenleistungen. Anbieter und Kosten vergleichst Du in Master Kieferorthopädie in Deutschland. Nicht jeder „Master” ist zudem ein rechtmäßig verliehener akademischer Grad; wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt der Fall DTMD (Luxemburg).

Weiterlesen: Praxisschild und Werbung für Kieferorthopäden, Karrierewege in der Kieferorthopädie und Master-Anbieter in Deutschland.

Quellen

Stand: Oktober 2026.