Der Prüfungsstress ist vorbei, die Approbationsurkunde liegt vor Dir – und plötzlich ist da ein Vakuum, wo eben noch ein durchgeplanter Studienplan war. Wenn Kieferorthopädie Dein Interesse geweckt hat, stellt sich jetzt eine Reihe von Fragen: Erst mal allgemeinzahnärztlich arbeiten oder direkt in die Spezialisierung starten? Und wenn Spezialisierung, dann die vierjährige Fachzahnarzt-Weiterbildung oder ein schnellerer Master? Dieser Artikel geht die typischen ersten Schritte nach der Approbation der Reihe nach durch – inklusive der Option, Dich vorerst gar nicht festzulegen.

Erst mal Berufserfahrung sammeln – sinnvoll oder nötig?

Die naheliegendste erste Station nach der Approbation ist eine Stelle als Assistenzzahnärztin bzw. Assistenzzahnarzt in einer allgemeinzahnärztlichen Praxis. Ob das für Deinen Weg in die Kieferorthopädie nötig ist, hängt von Deiner zuständigen Landeszahnärztekammer ab: Die Zahnärztekammer Berlin etwa verlangt vor Beginn der KFO-Weiterbildung mindestens zwölf Monate allgemeinzahnärztliche Tätigkeit, die ausdrücklich nicht in einer Fachzahnarztpraxis absolviert werden darf und auch nicht auf die spätere Weiterbildung angerechnet wird (Stand: Juli 2026, Quelle: Zahnärztekammer Berlin). Andere Kammern regeln das anders und lassen das allgemeinzahnärztliche Jahr, das die Musterweiterbildungsordnung der Bundeszahnärztekammer ohnehin vorsieht, direkt innerhalb der vierjährigen Weiterbildung ableisten. Die genauen Unterschiede zwischen den 17 Kammern beschreiben wir ausführlich in unserem Artikel Die Weiterbildungsordnung KFO im Kammervergleich.

Unabhängig davon, was Deine Kammer formal verlangt, ist eine Assistenzzeit für die meisten aus drei Gründen sinnvoll:

  • Bewerbungsvorteil. KFO-Weiterbildungsstellen sind knapp, und sichtbares Interesse am Fach – etwa durch Hospitationen neben der allgemeinzahnärztlichen Tätigkeit – hebt Deine Bewerbung von der Masse ab. Mehr dazu in unserem Artikel KFO-Weiterbildungsstelle finden.
  • Klinische Grundlage. Allgemeinzahnärztliche Praxis schärft Fertigkeiten, die auch in der Kieferorthopädie nützlich sind – Patientenkommunikation, Behandlungsplanung, der Umgang mit dem kompletten Spektrum zahnärztlicher Eingriffe.
  • Entscheidungssicherheit. Ein Jahr im allgemeinzahnärztlichen Alltag gibt Dir Zeit, wirklich zu prüfen, ob Kieferorthopädie langfristig zu Dir passt – bevor Du Dich auf vier weitere Jahre Weiterbildung festlegst.

Wer sich dagegen schon zu 100 % sicher ist und keine Kammer-Vorgabe zur Vorlaufzeit hat, kann auch direkt mit der Stellensuche beginnen: Wartezeiten auf eine Weiterbildungsstelle können ohnehin mehrere Monate bis über ein Jahr betragen, sodass frühes Bewerben Zeit spart.

Die Weichenstellung: Weg A oder Weg B

Spätestens jetzt kommt die Grundsatzfrage, die diesen gesamten Berufsweg prägt: die vierjährige, kammerlich geregelte Fachzahnarzt-Weiterbildung (Weg A) oder ein kürzerer, akademischer Master bzw. eine Zusatzqualifikation (Weg B)? Beide Wege erlauben Dir, kieferorthopädisch zu behandeln – das darf berufsrechtlich ohnehin jede approbierte Person. Der entscheidende Unterschied liegt in Titel und Werberecht: Nur nach abgeschlossener Fachzahnarzt-Weiterbildung darfst Du Dich laut BGH-Urteil vom 29.07.2021 (Az. I ZR 114/20) „Kieferorthopäde” bzw. „Kieferorthopädin” nennen. Die vollständige Einordnung dieses Urteils und was es für Deine Berufsbezeichnung bedeutet, findest Du in unserem Artikel Fachzahnarzt oder Master: Wer darf sich „Kieferorthopäde” nennen? Einen Gesamtüberblick über alle Spezialisierungswege nach dem Zahnmedizinstudium gibt unser Hub-Artikel Spezialisieren nach dem Zahnmedizinstudium.

Weg A: Eine KFO-Weiterbildungsstelle suchen

Entscheidest Du Dich für den klassischen Weg, beginnt jetzt die oft langwierigste Phase: die Suche nach einer Weiterbildungsstelle an einer Universitätsklinik oder einer ermächtigten Praxis. Es gibt dafür kein zentrales Vergabeverfahren wie bei Studienplätzen – Du bewirbst Dich direkt, und die Suche kann mehrere Monate bis über ein Jahr dauern. Wie Du systematisch vorgehst und wo Du überhaupt suchst, beschreiben wir Schritt für Schritt in KFO-Weiterbildungsstelle finden sowie in unserer Übersicht Alle KFO-Weiterbildungsstätten in Deutschland.

Sobald Du eine Stelle gefunden hast, gilt für die eigentliche Weiterbildung: vier Jahre Vollzeit, meist ein allgemeinzahnärztliches Jahr plus drei fachspezifische Jahre, abgeschlossen mit der Fachzahnarztprüfung vor der zuständigen Landeszahnärztekammer. Die Details unterscheiden sich, wie oben beschrieben, spürbar zwischen den 17 Kammern – ein Blick in unseren Kammervergleich lohnt sich, bevor Du Dich für einen konkreten Standort entscheidest. Was Du während der Weiterbildung verdienst, erklären wir in Gehalt und Kosten der KFO-Weiterbildung.

Weg B: Master oder Zusatzqualifikation

Entscheidest Du Dich stattdessen für den akademischen Weg, sieht Deine nächste Aufgabe anders aus: die Auswahl eines seriösen Programms. Anders als bei der Fachzahnarzt-Weiterbildung gibt es hier keine einheitliche Kammerprüfung und keinen bundesweiten Qualitätsstandard – Umfang, Inhalte und Anerkennung unterscheiden sich stark zwischen Hochschulen und privaten Anbietern. Nicht jeder Anbieter, der mit „Master” wirbt, verleiht auch tatsächlich einen rechtmäßigen akademischen Grad. Ein aktuelles Beispiel, worauf Du vor der Einschreibung achten solltest, findest Du in unserem Artikel Vorsicht bei privaten Weiterbildungsanbietern: Der Fall DTMD.

Viele Master- und Zusatzqualifikationsprogramme werden auch im englischsprachigen Ausland angeboten und lassen sich berufsbegleitend absolvieren. Was dabei zu beachten ist, beschreiben wir in Englischsprachige KFO-Weiterbildung. Wichtig zu wissen: Selbst ein im Ausland erworbener, seriöser Master ersetzt nicht die kammerlich anerkannte Fachzahnarzt-Weiterbildung – wer diese stattdessen im Ausland absolvieren und anschließend in Deutschland anerkennen lassen möchte, findet den richtigen Weg (Weg A, nicht Weg B) in unserem Artikel KFO-Weiterbildung im Ausland sowie in Ausländische KFO-Weiterbildung anerkennen lassen.

Die dritte Option: Erst mal gar nicht spezialisieren

Was in der ersten Euphorie nach der Approbation oft untergeht: Du musst Dich nicht sofort entscheiden. Als approbierte Zahnärztin bzw. approbierter Zahnarzt darfst Du kieferorthopädisch relevante Behandlungen – etwa einfache Zahnfehlstellungen mit herausnehmbaren Apparaturen – ohnehin schon jetzt durchführen, auch ganz ohne Fachzahnarzt-Titel oder Master. Wer noch unentschlossen ist, kann also zunächst allgemeinzahnärztlich arbeiten, sich in mehreren Fachrichtungen umsehen und die Entscheidung für Weg A oder Weg B um ein, zwei Jahre verschieben, ohne dadurch grundsätzlich vom Fach ausgeschlossen zu sein. Der Haken dabei: Weiterbildungsstellen sind ohnehin knapp und mit Wartezeit verbunden, sodass ein späterer Start in Weg A den Gesamtweg entsprechend verlängert. Wie sich Alltag und Verdienst zwischen einer Tätigkeit ohne Spezialisierung und einer mit abgeschlossener KFO-Qualifikation konkret unterscheiden, zeigen unsere Artikel Berufsbild Kieferorthopäde: Der Alltag und Was verdient ein Kieferorthopäde?

Und danach? Ein Blick nach vorn

Egal für welchen der drei Wege Du Dich jetzt entscheidest – am Ende von Weg A oder Weg B stehen Dir dieselben grundsätzlichen Karriereoptionen offen: Anstellung, Partnerschaft oder eigene Praxis, mit unterschiedlichen Rechten bei Titel und Außendarstellung. Einen vollständigen Vergleich gibt unser Artikel Angestellt, Partner oder eigene Praxis; wer schon jetzt an die eigene Praxis denkt, findet einen ersten Überblick in Eigene KFO-Praxis gründen oder übernehmen.

Was für Dich zählt

Es gibt keine pauschal richtige Reihenfolge nach der Approbation – nur eine Reihe von Fragen, die Du Dir ehrlich beantworten solltest: Willst Du später unbedingt den geschützten Titel „Kieferorthopäde”/„Kieferorthopädin” führen? Dann kommst Du an Weg A nicht vorbei, und je früher Du mit der Stellensuche beginnst, desto besser. Ist Dir eine schnellere, oft berufsbegleitende Lösung wichtiger, und kannst Du mit den Einschränkungen bei Titel und Werbung leben? Dann lohnt sich der genauere Blick auf Weg B. Und bist Du schlicht noch nicht so weit, Dich festzulegen? Dann ist eine allgemeinzahnärztliche Assistenzzeit kein verlorenes Jahr, sondern in aller Regel ein Gewinn – fachlich wie bei der späteren Bewerbung. Den kompletten Ablauf beider Wege, von der Approbation bis zum Abschluss, findest Du in unserem Übersichtsartikel Kieferorthopäde werden: Der komplette Weg, und falls Du Dich noch grundsätzlich orientierst, hilft der Einstieg in Kann man Kieferorthopädie studieren?


Stand: Juli 2026. Angaben zu Weiterbildungsordnungen ohne Gewähr – verbindliche Auskünfte erteilen die zuständigen Landeszahnärztekammern. Diese Einordnung ersetzt keine Rechtsberatung.